Kleine Tricks mit großer Wirkung: Streicheleinheiten der Eltern helfen Babys bei Säuglingskoliken und Blähungen.
Im Interview verrät Apotheker Dr. Jürgen Neye aus Spandau, warum in seinen täglichen Gesprächen mit Kunden nicht nur pharmazeutisches Wissen, sondern auch Lebenserfahrung zählt.
Dr. Neye, was sind eigentlich die Aufgaben eines Apothekers?
Im Gesetz heißt es dazu sehr förmlich: Aufgabe des Apothekers/der Apothekerin ist die Sicherstellung der ordnungsgemäßen Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln. Dieser Auftrag umfasst insbesondere die Information und Beratung über Arzneimittel, die Beratung in der Gesundheitsvorsorge, die Entwicklung, Herstellung, Prüfung, Lagerung, Abgabe und Risikoerfassung von Arzneimitteln und die Suche nach neuen Arzneistoffen und Darreichungsformen.
In meinen Worten heißt das: Wir Apotheker sind für die Abgabe von Medikamenten an die Patienten und für deren Beratung verantwortlich.
Neben Ärzten sind auch Apotheker für viele Menschen der Ansprechpartner Nummer eins in Gesundheitsfragen. Wie wichtig ist Ihnen die Beratung Ihrer Kunden?
Die Beratung und das persönliche Gespräch sind mir sehr wichtig. Sehen Sie: Die Apotheke ist ein sozialer Ort und der Apotheker für viele Kunden eine Person besonderen Vertrauens. Das gilt besonders für Apotheken mit einem festen Kundenstamm wie der unseren. Mit vielen meiner Kunden spreche ich daher nicht nur über medizinische Fragen, sondern darüber hinaus auch über Privates.
Welche Fragen hören Sie am häufigsten?
Wenn die Leute mit einem Rezept vom Arzt zu uns kommen, richten sich die Fragen meist nach der Dosierung, der Art der Einnahme und möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Aber wir werden natürlich auch des Öfteren gefragt, was zum Beispiel bei einem Heuschnupfen am wirksamsten hilft.
Können sich Frauen mit ihren Fragen zur Schwangerschaft, Säuglingspflege und Stillen auch an Sie und Ihre Mitarbeiterinnen wenden?
Selbstverständlich. Das passiert sogar relativ häufig. Obwohl der Bedarf an Kinderärzten groß ist, gibt es in der Umgebung unserer Apotheke nur einen Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde. Aber wir beraten unsichere Eltern gerne – in pharmazeutischer wie in lebenspraktischer Hinsicht. Als Vater von drei Kinder weiß ich: Oft sind es die kleinen Tricks, die die größte Wirkung haben. Gegen Blähungen kann zum Beispiel auch schon mal ein Fieberthermometer im Po helfen. Auch ein paar Extra-Streicheleinheiten bei den Kindern können heilsam sein.
Worauf sollten Schwangere und junge Mütter bei Gesundheitsprodukten unbedingt achten?
Besonders in der Schwangerschaft und Stillzeit sollten die Frauen darauf achten, dass sie keinen Alkohol zu sich nehmen. Das gilt auch für Medikamente. Vorsicht ist auch bei Arzneien auf Pflanzenbasis geboten. Dort ist Alkohol oft als Lösungs- und Konservierungsmittel enthalten. Generell sollten sich Schwangere und Stillende immer vom Arzt oder Apotheker bei der Einnahme von Medikamenten beraten lassen.
Müssen es eigentlich immer Industrieprodukte sein?
Natürlich nicht. Viele Mittel können auch vom Apotheker selbsthergestellt werden, zum Beispiel Erkältungsprodukte oder Pflegesalben. Der Vorteil von Apothekenprodukten aus Eigenherstellung ist, dass sie individuell angepasst werden können und ohne Konservierungsstoffe und Parfüm auskommen. Wir stellen beispielsweise auch einen eigenen Lippenbalsam her, der speziell in der kalten Jahreszeit vor spröden, trockenen und rissigen Lippen schützt.
Und was halten Sie von sogenannten Hausmitteln?
Ich kann nur sagen: immer ausprobieren. Bei Fieber sind Wadenwickel sicherlich die beste Lösung. Und generell spricht ja die jahrhundertealte Erfahrung erst einmal für Hausmittel. Umgekehrt muss man aber auch ganz klar sehen: Bei richtigen Schmerzen hilft irgendwann kein Minzöl mehr. Trotzdem finde ich, dass sich der vorschnelle Griff zur Tablette nicht lohnt. Zeit und Ruhe tun in vielen Fällen Wunder.
Welchen Rat möchten Sie jungen und werdenden Eltern ganz allgemein mit auf den Weg geben?
Zwischenmenschlich gesehen kann ich nur raten, entspannt ans Elternwerden zu gehen. Es ist doch so: Das erste Kind wiegt man nach der Geburt alle paar Stunden, das zweite alle paar Tage, das dritte wiegt man dann gar nicht mehr. So ist es wenigstens bei meinen Kindern gelaufen. Groß sind sie alle geworden. Umgekehrt bin ich bei Problemen allerdings auch immer sofort mit ihnen zum Facharzt in die Kinderklinik gegangen.
Kurzportrait
Dr. Jürgen Neye führt seit 33 Jahren die Altstadt-Apotheke in Berlin-Spandau, seit vier Jahren gemeinsam mit seinem Sohn. Im Laufe der Zeit haben die Mitarbeiter der Altstadt-Apotheke mehr als 20 Kinder auf die Welt gebracht. Lange Zeit hat die Apotheke besonderen Wert auf die Impfberatung gelegt, heute zeichnet sie sich vor allem durch ihre Produkte aus Eigenherstellung aus.
|