Dr. Cornelia Herbstreit und ihr Team aus Ärzten und Hebammen unterstützen Frauen und ihre Männer beim Abenteuer Geburt.
Im Interview erzählt Dr. Cornelia Herbstreit, was sie von Emanzipation, der Zusammenarbeit im Kreißsaal und dem Zertifikat babyfreundliches Krankenhaus hält.
Frau Dr. Herbstreit, heute ist der 8. März – Weltfrauentag. Welche Bedeutung hat dieser Tag für Sie?
Der Weltfrauentag ist insofern wichtig, weil wir trotz des emanzipatorischen Anspruchs leider noch immer nicht erreicht haben, dass Frauen beruflich nicht länger benachteiligt werden. Auch heute verdienen Frauen in Deutschland durchschnittlich weniger als Männer. Das fällt auf – auch im europäischen Vergleich. Ich persönlich finde dabei aber wichtig, dass wir Emanzipation als gemeinsames Projekt von Frauen und Männern verstehen. Und dass jedes Geschlecht die Stärken des anderen anerkennt. In meinem Beruf geht es allerdings in erster Linie darum, die Stärken von Frauen zu stärken. Schließlich dreht sich hier alles um sie. Insofern ist bei uns jeden Tag Frauentag.
Sie leiten die Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe. Wie sieht denn ein typischer Tag in Ihrem Job aus?
Um unsere tägliche Arbeit zu verstehen, muss man Folgendes wissen: Unsere Abteilung fasst zwei Bereich zusammen, die sehr unterschiedlich sind: die Gynäkologie mit allen Frauenerkrankungen und die Geburtshilfe. Die Arbeit in der Gynäkologie ist terminlich stark strukturiert, z.B. durch Operationstermine. Die Arbeit in der Geburtshilfe ist dagegen nicht planbar. Schließlich weiß man morgens nie, wie viele Frauen an einem Tag gebären werden. Trotzdem müssen wir – auch mit unserem Personal – auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Man könnte also sagen: Das Typische unserer Arbeit ist, dass es keinen typischen Tag gibt. Das heißt umgekehrt: Von uns allen wird hier viel Improvisationsvermögen verlangt.
Ihre Abteilung gehört zu einer Klinik für Anthroposophische Medizin. Was ist anders an der anthroposophischen ganzheitlichen Geburtshilfe?
Die Anthroposophische Medizin ist häufig eine Anlaufstelle für Menschen, die eine traumatische Erfahrung mit der Schulmedizin gemacht haben. Insbesondere Menschen, die Medizin oder Krankenhaus als Form der Entmündigung empfinden, sehen in einer anthroposophischen Klinik eine Alternative.
Deshalb legen wir hier so viel Wert darauf, unsere Patientinnen und ihre Ängste kennen zu lernen und eine Vertrauensbasis aufzubauen. Aus diesem Grund führen wir zum Beispiel mit jeder Frau, die hier entbinden will, intensive Gespräche. Was bringt die Frau mit? Welche Wünsche hat sie? – Die Geburt ist ein Grenzgang, was Kraft und Schmerz betrifft. Bei diesem Grenzgang wollen wir sie begleiten, unterstützen und ihre Selbstbestimmtheit als Frau stärken. Indem die Frauen ihre Angst vor der Geburt bewältigen, gewinnen sie sehr viel an Selbstbewusstsein.
Eine wichtige Rolle bei der Geburtsbegleitung spielt die Hebamme. Wie greift die Arbeit von Hebammen und Ärzten ineinander?
Das Verhältnis zwischen Hebammen und Ärzten ist leider im Allgemeinen sehr konfliktträchtig. Das ist schade. Ich finde es zum Beispiel sehr wichtig, dass junge Ärzte auch „normale“ Geburten erleben und nicht erst im Notfall dazugerufen werden. Ärzte und Hebammen sollten sich gegenseitig ihre Arbeit transparent machen. Schließlich geht es um eine ganz enge Zusammenarbeit. In unserer Abteilung verstehen wir uns als Team, das sich gegenseitig wertschätzt. Aber dorthin zu kommen war eine Annäherung der kleinen Schritte. Das sehe ich persönlich als Herausforderung, die wir gemeistert haben und auf die ich stolz bin.
Etwas, das für viele Frauen nach der Geburt zu einer kleinen Herausforderung wird, ist das Thema Stillen. Welcher Raum wird dem Stillen in Ihrer Klinik beigemessen?
Stillen wird bei uns groß geschrieben. Unsere Klinik ist zertifiziert als „babyfreundliches Krankenhaus“. Ungefähr fünf Prozent aller Kliniken in Deutschland gehören inzwischen zu dieser Initiative der WHO/UNICEF. Ziel der Initiative ist es, das Stillen zu fördern. Deshalb hieß das Zertifikat ursprünglich auch erst „stillfreundliches Krankhaus“. Ich finde es allerdings gut, dass der Name geändert wurde. Schließlich gibt es eine Reihe von Frauen, die aus verschiedenen Gründen nicht stillen können. Diese Frauen dürfen keinesfalls diskriminiert werden. Deshalb ist mein großes Anliegen auch nicht das Stillen an sich.
Wichtiger noch finde ich, dass Mutter und Kind sofort nach der Geburt eine intensive Bindung aufbauen können und dabei unterstützt werden. Auch der Vater sollte in diese Bindungsphase, das Bonding, einbezogen werden. Daher bieten wir den jungen Eltern Familienzimmer in unserer Klinik an.
Und welchen Tipp möchten Sie zum Abschluss noch werdenden Müttern mit auf den Weg geben?
Die Geburt ist ein ganz besonderer Moment, eine Herausforderung und Grenzerfahrung. Gerade Frauen, die beruflich „ihren Mann“ stehen, fällt es häufig schwer, Kontrolle abzugeben und sich auf das Abenteuer Geburt einzulassen. Aber: Eine Geburt muss nicht planbar sein!
Und noch einen Tipp an die werdenden Väter: Ein Baby zu versorgen, ist niemandem in die Wiege gelegt, sondern Training. Wer viel Zeit mit einem kleinen Baby verbringt, lernt auch seine Befindlichkeiten kennen. Das gilt für Mütter und Väter.
Kurzportrait
Dr. Cornelia Herbstreit leitet seit 2003 die Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe. Seither ist die Zahl der jährlichen Geburten von 500 auf rund 1.200 gestiegen. Besonders stolz ist Frau Dr. Herbstreit darauf, dass in ihrem Haus auch natürliche Geburten bei Beckenendlage oder Steißlage durchgeführt werden.
|