Beipackzettel sind eine Zumutung
Im Interview verrät Kinderarzt Dr. Andreas Lindner aus Berlin, was er von Alkohol in Medikamenten für Kinder, Beipackzetteln und neuen Arzneistoffen hält.
Dr. Lindner, bitte beschreiben uns den typischen Tagesablauf und die Aufgaben eines Kinderarztes!
Das Besondere an der Arbeit des Kinderarztes ist, dass die Sprechzeiten zu 80 Prozent für akute Fälle reserviert sind. Das heißt, die Mutter, die morgens anruft, weil ihr Kind krank ist, bekommt noch am selben Tag, spätestens am nächsten Tag einen Termin. In den restlichen 20 Prozent finden dann zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen statt. Das unterscheidet uns von den meisten anderen Ärzten, bei denen man länger auf einen Termin warten muss. Zur täglichen Arbeit in der Praxis kommt die Arbeit abends am Schreibtisch: Dort lese ich Fachzeitschriften, beantworte Patientenanfragen, entwickle Merkblätter zu typischen Krankheiten usw. Ungefähr einmal pro Woche besuche ich außerdem eine Fortbildung.
Der Kinderarzt ist ein Facharzt. Welches Fachwissen ist für die Behandlung von Säuglingen, Kleinkindern und Kindern notwendig und warum?
Die Standardantwort eines jeden Kinderarztes lautet: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Und das stimmt! Babys und Kinder bekommen andere Krankheiten als Erwachsene, reagieren anders auf Arzneimittel und bekommen daher andere Medikamente. Dieses Wissen und die Erfahrung im Umgang mit kleinen Patienten fehlt dem „normalen“ Hausarzt. Das führt dann teilweise zu falschen Diagnosen. Nichtsdestotrotz gibt es Hausärzte, die Hervorragendes bei Kindern leisten.
Mit welchen Fragen und Problemen wenden sich junge Eltern immer wieder an Sie?
Heute haben Eltern gewöhnlich ein oder zwei Kinder. Die Großfamilie ist passé. Und mit ihr ist das Wissen um die Kinderversorgung verloren gegangen. Früher hat die Oma, die Tante oder die Nachbarin jungen Müttern Tipps gegeben. Heute kommen sie mit ihren Fragen zu mir. Das ist normal. Dafür bin ich ja auch da. Dann erkläre ich, welche Kleidung bei Säuglingen bei welchem Wetter sinnvoll ist, wann man am besten auf Brei-Nahrung umstellt oder welche Impfungen das Kind wirklich braucht.
Worauf sollten Eltern bei Gesundheitsprodukten achten?
Für Ärzte ist wichtig: Sei nie der Erste, der einen neuen Wirkstoff verschreibt, und nie der Letzte, der einen alten Wirkstoff noch empfiehlt. Bei Gesundheitsprodukten für Kinder setzt man auf bewährte Wirkstoffe. Anders ist das vielleicht bei einer Impfung. Aber dann bekommen Eltern von mir auch eine ausführliche Beratung.
Wo können Eltern die für sie relevanten Angaben zu Gesundheitsprodukten finden? Auf dem Beipackzettel?
Also mal ehrlich: Packungsbeilagen sind eine Zumutung! Sie sind zu klein geschrieben, unverständlich und vor allem erkennt man nicht, welche Information wichtig und welche weniger relevant ist: Die möglichen (!) Nebenwirkungen nehmen viel Platz ein; warum es so wichtig ist, dass Medikament zu nehmen, wird aber kaum erklärt. Die Nebenwirkungen verängstigen die Eltern meiner Patienten teilweise so, dass sie das Medikament gar nicht erst nehmen. Das ist doch bizarr und hilft nicht gerade dabei, die Kinder zu heilen!
Warum wird eigentlich von Alkohol in Gesundheitsprodukten für Kinder und Säuglinge abgeraten?
Weil es ohne Alkohol geht. Ich würde ja auch nie auf die Idee kommen, meinem achtjährigen Sohn Bier anzubieten. Denn eines steht doch fest: Kinder – und erst recht Babys – reagieren empfindlicher auf Alkohol. Deshalb verbietet der Gesetzgeber seit 1. April 2009 beispielsweise auch die Verschreibung von Hustensäften mit fünf oder mehr Prozent Alkohol auf Kosten der Krankenkassen.
Welchen Rat möchten Sie jungen Eltern ganz allgemein mit auf den Weg geben?
Ruhe zu bewahren. Wenn das Kind um acht Uhr das erste Mal niest, muss die Mutter nicht um acht Uhr zehn mit ihm in der Arztpraxis stehen. Häufig hilft es schon, ein bisschen abzuwarten und das Kind zu beobachten. Frei nach dem Sprichwort „Wasser fließt immer von der Quelle zur Mündung“ gehen auch die meisten Erkältungen wieder vorbei.
Kurzportrait
Dr. Andreas Lindner führt seit mehr als 15 Jahren eine Praxis für Kinder und Jugendliche, 13 davon in Berlin-Reinickendorf bzw. Wedding und knapp drei in Berlin-Lankwitz. Dr. Lindner interessiert sich insbesondere für Allergologie und Reisemedizin. Kinderarzt zu sein bedeutet für ihn, den ganzen Menschen zu behandeln. Er ist verheiratet und hat einen achtjährigen Sohn.
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